damals: 20. Juli 1999

Früher musste man ja noch Grundwehrdienst leisten und damals dachte ich, naja, kann ja nicht so schlimm sein und ich schau mir das mal an.

Ich war jung und hatte mir nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, die Zeit würde schon irgendwie rum gehen. So wurde ich zum 1. Juli 1999 eingezogen und wurde die ersten 3 Wochen mit den Übungen fürs Gelöbnis beschäftigt. Es war ein warmer Juli, oftmals mit über 30°C. Lustig war was anderes und jeder dachte daran, wie unangenehm es dann am 20. Juli werden könnte, wenn man da lange stehen muss. Vor allem auf die Gefahr hin, dass der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping sprechen könnte, das hätte ja dann noch länger gedauert.

Das Datum[1] wurde natürlich nicht willkürlich gewählt und auch der Ort für diese Veranstaltung, der Bendlerblock[2] als Gedenkstätte des Widerstands, war eben nicht irgendein Platz. Wobei man darüber generell geteilter Meinung sein darf und durfte.
Das machte uns, insbesondere mich, schon nachdenklich, dort, als Erste an diesem neuen Ort und zur Einführung einer neuen Tradition, das Gelöbnis abzuhalten.

Soldaten sind zum Gelöbnis angetreten

Scharping sprach glücklicherweise nicht, aber der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Natürlich bleibt solch eine Veranstaltung nicht ohne Zwischenfälle und während wir artig in Reih und Glied standen, das hatte man uns ja so beigebracht, flitzten plötzlich aus der Zuschauermenge einige nackte DemonstrantInnen auf den Platz.

Zeitungsartikel, Berliner Kurier 22. Juli 1999

In erster Linie lenkte uns das von der sonst drögen Veranstaltung ab. Das teilweise sehr ruppige Vorgehen der Feldjäger gegenüber den Flitzern fanden wir unnötig, zumal sich die Leute nicht wehrten bei der Festnahme.

Über diesen Tag, seine Geschehnisse und die Erfahrungen aus der weiteren Ausbildung, dachte ich jedoch bei einem zweiwöchigen Genesungsaufenthalt im Bundeswehrkrankenhaus genauer nach. Da hatte ich die Zeit dafür, auch wenn dort ebenfalls ein rauer Ton herrschte, im Vergleich zu zivilen Krankenhäusern.
Und wie das so ist, wenn man mal nachdenkt, dann findet man auch eine Entscheidung, die man vielleicht auch hätte vorher treffen können.

Nach der Einreichung des Verweigerungsantrages ging es dann relativ schnell. Die Prüfung des Antrags dauerte zwar seine Zeit, aber ich musste quasi keinen Dienst mehr machen und hatte so auch die Möglichkeit schon vorab nach Zivildienststellen zu schauen. Die nötige Anhörung war auch weniger schlimm als erwartet und mein Antrag wurde letztendlich genehmigt.

Im Nachhinein bin ich auch ein bisschen froh beide Erfahrungen gemacht zu haben. Ich hatte Glück mit meinem Zug, dessen Ausbildung von einem Leutnant und einem Fähnrich geleitet wurden, die deutlich ruhiger und auch geduldiger waren, als die Unteroffiziere der anderen Züge.

Unwichtige Randbemerkung: im Nachbarzug absolvierte der Hertha-Spieler “Zecke” Neuendorf[3] seinen Wehrdienst. Er war öfter mal nicht anwesend oder kam spät, Privilegierte halt.
Ich hatte auch gar nicht verstanden, warum die anderen anfänglich um ihn herumschlawenzelten, aber ich hab ja mit Fußball auch nix am Hut. 😉

  1. [1] Attentat vom 20. Juli 1944 – Wikipedia
  2. [2] Bendlerblock – Wikipedia
  3. [3] Andreas Neuendorf – Wikipedia

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